Fahrzeugporträt RLFA 2000 TUNNEL

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Der Alleskönner

Die Mühlviertler Schnellstraße (S10) führt von Unterweitersdorf bis Freistadt und wird in den nächsten Jahren noch bis zur Staatsgrenze in Wullowitz verlängert. 8,3 der 22 Straßenkilometer werden in insgesamt acht Tunnel bzw. Unterflurtrassen unterirdisch geführt. Bereits während der Bauphase wurde deshalb durch die Abteilung Katastrophenschutz des Landesfeuerwehrverbandes Oberösterreich begonnen, bei den zuständigen Feuerwehren entlang der S10 insgesamt sechs „Rüstlöschfahrzeug Tunnel“ zu stationieren. In den Sonderalarmplänen der jeweiligen Tunnelabschnitte ist geregelt, dass im Brandfall pro Tunnelportal jeweils zwei dieser Spezialfahrzeuge anrücken. Am Südportal des Tunnels Götschka (Unterweitersdorf) stand bis dato lediglich eines dieser Fahrzeuge zur Verfügung. Aufgrund dessen wurde im Jahr 2019 von der Landesfeuerwehrleitung die Stationierung eines zusätzlichen RLF Tunnel bei der FF Hagenberg beschlossen. Zwei Jahre später ist dieses Fahrzeug unser neuer „Star“ im Fuhrpark.

 

Für die Feuerwehr Hagenberg als Nachbarwehr zur Portalfeuerwehr Unterweitersdorf sollte dies zusätzlich als Ersatzbeschaffung für das Tanklöschfahrzeug Baujahr 1991 dienen. Seitens des LFVOÖ wurde die Beschaffung eines Fahrzeugs vom Typ „MAN TGM 18.320″ vom Hersteller Rosenbauer aus Leonding über die Bundesbeschaffungsgesellschaft fixiert. Gleich daraufhin wurde eine feuerwehrinterne Arbeitsgruppe zur Beschaffungsplanung eingerichtet. Zahlreiche baugleiche Fahrzeuge anderer Feuerwehren wurden besichtigt, potentielle Ausrüstungsgegenstände diverser Hersteller getestet sowie gewünschte Sonderausstattungen, die zur Gänze von uns selbst finanziert wurden, fixiert. Als Stützpunktfahrzeug übernimmt der Landesfeuerwehrverband zur Gänze die Anschaffungskosten des Fahrzeugs inklusive der Pflichtbeladung laut Ausrüstungsverordnung. Jedoch wurde es der Stützpunktfeuerwehr Hagenberg in Absprache ermöglicht, auf eigene Kosten zusätzlich Ausrüstung in das Fahrzeug zu beschaffen bzw. zusätzlich Fahrzeugeinbauten durch den Hersteller vornehmen zu lassen.

Premiere: Erste Stützpunktfahrzeug ohne Hochdruckpumpe

Nun zum Fahrzeug selbst: Aufgebaut auf einem 18t-Fahrgestell von MAN verfügt das Fahrzeug über eine Motorisierung von 320 PS (Euro 6 Standard) und ein 12 Gang Halbautomatik Getriebe. Zwei Nebenabtriebe ermöglichen den Betreib der Einbaupumpe und der hydraulischen Einbauseilwinde. Der Inhalt des 2000l Wassertanks und 200l Schaummitteltanks kann über die Einbaupumpe vom Typ N25 abgegeben werden. Hier kommt es zur ersten Besonderheit: Die Pumpe verfügt über keinen Hochdruck-Teil! Seitens der FF Hagenberg wurde bewusst darauf verzichtet, da sowohl ihre Einsatztaktik im Pflichtbereich (Innenangriff mit C42) als auch die gängige Tunneleinsatztaktik zur Gänze auf Normaldruck basiert. Als Druckabgänge stehen neben vier B-Abgängen und einer 50m C-Schnellangriffseinrichtung mit Hohlstrahlrohr im Heck ein pneumatisch gesteuerter B-Abgang an der Fahrzeugfront zur Verfügung. Für den Schaum- bzw. Netzmittelbetrieb kann wahlweise der dreistufige Pumpenzumischer (FIXMIX) oder eine Schaumschnellangriffseinrichtung mit fix verbautem Zumischer (0,1%-3% Zumischrate) und Kombischaumrohr verwendet werden. Die Schaummitteleinspeisung erfolgt entweder vom 200l-Einbautank oder über externe Kanister.

Ferngesteuerter Wasserwerfer

Über einen Joystick kann der Maschinist oder Gruppenkommandant vom Fahrerraum aus den Wasserwerfer vom Typ RM15 (montiert am Dach des Fahrerraums) steuern. Neben der Einbaupumpe selbst (Start/ Stopp, Druck, Schaumzumischung) lassen sich Literleistung (750l/min oder 1500 l/ min), Breit- oder Vollstrahl und Abgaberichtung somit per Knopfdruck steuern. Möglich ist somit auch ein sogenannter „Pump and Roll“-Betrieb, also die Wasserabgabe über den Werfer während der Fahrt im Schritttempo. Für die nötige Sicherheit am Einsatzort sorgt die Verkehrsleiteinrichtung am Fahrzeugheck sowie die Konturenbeleuchtung, die Ausleuchtung des Bodens rund um das Fahrzeug bei Dunkelheit. Taghelle Lichtverhältnisse schafft der ausfahrbare Lichtmast, der über vier LED-Scheinwerfer verfügt, die mittels der bordeigenen 24V Spannung betrieben werden können. Um eine problemlose Verwendung im Tunnel zu ermöglichen, verfügt der Lichtmast an der Spitze über eine Anstoßsicherung, die das Ausfahren bei Berührung mit einem Hindernis stoppt. Ebenfalls am Dach befinden sich die dreiteilige Schiebeleiter (14m) sowie die vierteilige Steckleiter. An der Fahrzeugfront ist eine hydraulische Einbauseilwinde vom Typ „Rotzler Treibmatic“ verbaut, die mit konstanter Zugleistung von 6t über die gesamte Seillänge von 65m glänzt.

Geräteräume vollgepackt mit Equipment

Im Geräteraum 1 befindet sich neben der beidseitig entnehmbaren Rettungsplattform ein hydraulischer Rettungssatz von Weber Hydraulic mit Schere, Spreizer und Rettungszylinder. Für die Unfallrettung stehen weiters ein Stabfast-Abstützsystem samt Stabpack-Unterbauelementen, ein Milwaukee Akku-Trennjäger und eine Akku-Säbelsäge zur Verfügung. Zwei Kettensägen (motorbetrieben und akkubetrieben), Spineboard, Greifzug 32kN + Freilandverankerung, diverse Seilstropps und Rundschlingen, Schanzwerkzeug und eine 230V-Schnellangriffseinrichtung komplettieren diesen prall gefüllten Geräteraum. Gegenüber befinden sich im Geräteraum 2 zwei Rosenbauer Nautilus-Tauchpumpen, ein Elektro-Hochleistungslüfter, zwei Rangierroller (zwei weitere in der Dachbox), diverses Kabelmaterial, LED-Fluter und LED-Akkuscheinwerfer und ein Stromerzeuger Rosenbauer RS14. Für die mitgeführten Hebekissen – drei Stück Vetter Mini-Hebekissen 8bar sowie zwei Vetter Hebekissen 1bar mit einer Hubhöhe bis zu 81cm – kann sowohl die Druckluft-Schnellangriffseinrichtung als auch eine 300bar Atemluftflasche verwendet werden.

Sortimo sorgt für Ordnung

Zahlreiche Kleinwerkzeuge (Handwerkzeug-Satz, Elektro-Rettungssatz, Türöffnungsset, Akkuschrauber, Schlagschrauber) sind geordnet in einzelnen Koffern in einem Regal vom Hersteller „Sortimo“ untergebracht. Einzelne Koffer können so einfach entnommen und an die Einsatzstelle mitgenommen werden. Im selben Geräteraum befinden sich noch zwei Personen-Sicherungssets sowie zwei Schlauchtragekörbe mit jeweils drei Stück C42-Schläuche. An einem der beiden Schlauchtragekörbe ist weiters ein mobiler Rauchvorhang befestigt. Im Geräteraum fünf sind wie üblich die wasserführenden Armaturen untergebracht. Neu ist hier ein verlustfreies Druckbegrenzungsventil, das am Pumpeneingang montiert dafür sorgt, dass der Eingangsdruck 5bar nicht überschreitet – jedoch ohne dabei das überschüssige Wasser am Nebenabgang abzulassen. Ölbindemittel, Ölbindevlies, Auffangwanne etc. vervollständigen den Inhalt des Gerä- teraums. Im Gerätraum rechts hinten findet man die Feuerlöscher, das Hygiene-Board, Schaummittelkanister sowie die Schaum-Schnellangriffseinrichtung und eine Akku-Rückenspritze, die als Ersatz für die herkömmliche Kübelspritze dient.

Sonderausrüstung für den Tunneleinsatz

Durch die spezielle Tunneleinsatztaktik kommt es oft zum Schleifen der Schläuche am Asphalt, was Standard-Druckschläuche schnell verschleißen lässt. Bei den Druckschläuchen wurde deshalb das Modell „Ribflex“ von Haberkorn gewählt, das erfahrungsgemäß robuster und widerstandsfähiger ist. Jedem der sieben Mann Besatzung steht ein eigenes „Twinpack“-Atemschutzgerät (Dräger PSS 7000, 2x 300bar 6,8l CFK-Flaschen) + Atemschutzmaske, eine Streamlight Handlampe sowie ein analoges 70cm Funkgerät zur Verfügung. Auch wenn in Oberösterreich bereits fast flächendeckend „digital gefunkt“ wird, findet im Tunneleinsatz aufgrund baulicher Gegebenheiten nach wie vor der Analogfunk im 70cm Band Anwendung. Eine Schleifkorbtrage mit Rädern, „Powerflare“-Blinkleuchten und Suchstöcke runden die Tunnelausrüstung ab.

Alleskönner deckt alle Anforderungen ab

Rüstlöschfahrzeuge werden gerne als Multifunktionswerkzeuge tituliert. Das „Rüstlöschfahrzeug Tunnel“ der Feuerwehr Hagenberg trägt mit Berechtigung diesen Titel: Mit einem Gesamtwert von mehr als 500.000€ deckt es neben den speziellen Anforderungen des Einsatzes in Straßentunneln auch das gesamte Einsatzspektrum im technischen Einsatz und im Brandeinsatz ab. Damit die mehr als 400 Ausrüstungsgegenstände im Fahrzeug ihren Platz gefunden haben, wurden alleine durch die Kameraden der Stützpunktfeuerwehr mehr als 330h in die Planung und Vorbereitung der Fahrzeugbeschaffung investiert. Herausgekommen ist ein sehr gelungenes Fahrzeug, so die einstimmige Meinung aller Projektbeteiligten. Landesfeuerwehrkommandant-Stellvertreter Michael Hutterer durfte am 2.Juni das Fahrzeug an die Feuerwehr Hagenberg übergeben und bezeichnet das Rüstlöschfahrzeug zu Recht (so die Meinung des Autors) als „Musterfahrzeug“ für die weitere Fahrzeugbeschaffung vom Typ „Rüstlöschfahrzeug Tunnel“.